Geburtstagskind des Tages – Havva

Nicht alle Kolleg:innen können sich ganz genau dran erinnern, welches ihr erster Tag bei uns gewesen ist. Havva hat dafür ein sehr schönes Erinnerungsbild, das Gruppenbild vom 30. Geburtstag. Aber erst mal zu ihren Geburtstagsfragen:

1. Seit wann bist bzw. von wann bis wann warst Du hier und in welchem Bereich?

Seit über 14 Jahren und zwar in der Kantine.

2. Welches ist Dein Lieblingsort auf der Fabrik?

Die Bank vor der Kantine.

3. Mit einem Wort: Was ist die Fabrik für Dich?

Superklasse!

4. Was ist dein Lieblingsessen in der Kantine?

Lammtopf mit grünen Bohnen und Couscous

5. Was wünschst Du der Fabrik zum Geburtstag?

Alles Gute, dass sie weiterhin besteht — es macht Spaß hier zu arbeiten 🙂

2006 Havvas Einstand

Cecosesola

Die freundschaftliche, solidarische und bereichernde Beziehung zwischen der Regenbogenfabrik und Cecosesola besteht nunmehr seit einer ganzen Reihe von Jahren. Seit Cecosesola im Jahr 2006 am ersten Internationalen Kongress für Solidarisches Wirtschaften teilnahm, war die Regenbogenfabrik einige Male unsere Unterkunft und die Möglichkeit, unser Lebensprojekt aus und in Venezuela vorzustellen. Seit wir entdeckten, wie wesentlich die gesellschaftlichen Beziehungsgeflechte von unseren jeweiligen kulturellen Kontexten geprägt werden, wurden die Bemühungen um eine kulturelle Transformation sozusagen zu dem unser Projekt erhellenden Regenbogen.

Cecosesola, 1967 als Kooperativendachverband gegründet, ist heute ein Netzwerk von etwa 50 kommunitären Organisationen, das sich auf 7 Bundesstaaten Venezuelas ausgebreitet hat. Seit mehr als 45 Jahren kümmern wir uns um einen Prozess der kulturellen Transformation. Dieser konzentriert sich darauf, andere Wege als die der patriarchalisch geformten Beziehungsgeflechte zu entdecken und zu beschreiten; und so versuchen wir, dazu beizutragen, dass jene Kultur, die seit Tausenden von Jahren zur Herrschaft weniger Menschen über viele andere, einschließlich der Natur, geführt hat, allmählich verschwindet.

Wir versuchen, ein Wohlbefinden zu fördern und viele Familien und Organisationen darin einzubeziehen, welches entsteht, sobald wir diese Herrschaftsverhältnisse verwischen und harmonische Beziehungen des Vertrauens, der gegenseitigen Unterstützung, der Empathie, des Mitgefühls und der gesellschaftlichen und persönlichen Verantwortlichkeit aufbauen.

Auf dieser gemeinsamen Reise haben wir Wege entdeckt, diesen Prozess der kulturellen Transformation zu erzeugen, inmitten einer Kultur, die andere Emotionen, Einstellungen und Verhaltensweisen unterstützt, welche jeden Versuch der Transformation verlangsamen oder verwässern und ihn oft auf eine oberflächliche Veränderung lediglich der Form reduzieren.

Unter anderem haben wir, indem wir unserem Bildungsprozess Priorität einräumten, ein Produktions- und Vertriebsnetz aufgebaut, das 280 landwirtschaftliche Erzeuger, 7 Einheiten handwerklicher Produktion und 20 Märkte umfasst, die die Hauptversorgungsquelle für 100.000 Familien in der und um die Stadt Barquisimeto sind. Wir haben ein Gesundheitsnetz in fünf verschiedenen Zentren in Barquisimeto eingerichtet, in denen bis zu 230.000 Menschen im Jahr mit gesundheitlichen Problemen zu uns kommen, und wir haben aus eigenen Aktivitäten und Mitteln unser sog. Integrales Kooperatives Gesundheitszentrum aufgebaut. Dort gibt es zwei Operationssäle, 20 Krankenhausbetten und auch Sprechstunden konventioneller sowie alternativer Medizin. Insgesamt bedeutet das Gesamte unsere kommunitären Dienste eine Ersparnis von 15 Millionen Dollar pro Jahr im Vergleich zu den Preisen, die anderswo in Barquisimeto gezahlt werden müssen.

Und was vielleicht noch wichtiger ist, dass es sich um einen Prozess handelt, der nicht auf die mit dem Netzwerk verbundenen Mitarbeiter beschränkt ist. Es handelt sich um einen offenen Prozess ist, der auf jeden ausstrahlt, der sich mit ihm identifiziert, insbesondere auf unsere Familie und Freunde sowie auf die Zehntausende von Menschen, die wegen der Qualität und Erschwinglichkeit unserer Dienstleistungen zu uns kommen.

Innerhalb des Netzwerkes gibt es keine festen Posten, wir setzen so weit als möglich auf Rotation. Und so gibt es keine Chefs, keine ManagerInnen, keine VorarbeiterInnen, kein Organigramm, das von oben nach unten verläuft. In vielerlei Gesprächsrunden, die so etwas wie der rote Faden unserer Kommunikation ist, kristallisieren sich immer wieder sog. kollektive Kriterien heraus, welche Orientierung für konkrete, kollektive Entscheidungsprozesse bilden. Dabei sind wir immerhin 1 200 TeilnehmerInnen.

Und dies in einer Welt des Wettbewerbs, die uns mit der kulturellen Dualität, des Guten gegen das Schlechte, der Grenzen, die trennen, imprägniert. Die tägliche Konfrontation mit der Macht veranlasst uns, Verhaltensweisen anzunehmen, die typisch für die Kultur sind, die wir umwandeln wollen: die Kontrolle von Informationen mit der Rechtfertigung, dass der Feind nichts wissen darf, die Manipulation im Hinblick auf unmittelbare Ziele, die Nutzung des Anderen oder der Anderen im Hinblick auf das Gewinnen des Wettbewerbs. Mit anderen Worten: Sie kontaminiert uns mit den Emotionen und Logiken, die Herrschaftsverhältnisse nähren.

Deshalb ist unser Weg, der ja nur einer von Tausenden Transformationsmöglichkeiten ist, kein einfacher. Er ist eher zerbrechlich, da er von keiner fixen Organisationsstruktur getragen wird. Doch nach 53 Jahren und in Zeiten der Pandemie gehen wir ihn mit Leidenschaft weiter. Und die Bevölkerung tut das ihre: bei einer Umfrage über Cecosesola gaben vor ein paar Jahren 95% der Befragten ihrer Meinung Ausdruck „aktiv alles Erdenkliche zu tun, um zu verhindern, dass Cecosesola Schaden zugefügt werde.“

https://diebuchmacherei.de/produkt/auf-dem-weg-gelebte-utopie-einer-kooperative-in-venezuela/

https://netz-bb.netz.coop/index.php?id=18

Wo eine Villa ist, ist auch ein Weg

Heraus zum revolutionären 1. Mai… raus nach Grunewald! | 2018
„Warum immer Kreuzberg? Warum nicht mal in einem richtigen Problembezirk auf die Straße gehen?“, das fragten sich die Hedonist-international.org/ und starteten den 1. Mai bereits am Nachmittag um 14 Uhr mit einer Demo im Grunewald. Statt der angemeldeten 200 Teilnehmer:innen zogen mehr als 3.000 Menschen begleitet von Lärm, Wumms und allerlei guten Ideen, die laut in die Vorgärten schallten, vom S-Bahnhof Grunewald durch das Villenviertel. An der fast sieben Kilometer langen Strecke lagen Botschaften, Residenzen und die Häuser zahlreicher Prominenter. Einige Villen, bei denen die Gartentür offen stand, wurden gleich mal besichtigt, bei anderen Sturm geklingelt oder sie mit Aufklebern und anderem verschönert. Das führte zu einem längeren unfreiwilligen Aufenthalt in der Nähe der britischen Botschaft. Nach einer Stunde gab die Polizei die Straße wieder frei. Wo eine Villa ist, ist auch ein Weg. https://umbruch-bildarchiv.org/wo-eine-villa-ist-ist-auch-ein-weg/

My Gruni – 1. Mai-Demo im Grunewald Mit einer prächtigen Demonstration zogen am 1. Mai rund 7500 autonome Streetworker:innen durch das wohlstandsbelastete Villenviertel Grunewald. Wie im letzten Jahr äußerte sich der Protest kreativ, laut und vielfältig. Die gemeinsamen Nenner an diesem Tag waren Enteignung, eine gerechte Vermögensverteilung und in diesem Sinne faire Mieten in der Stadt. Dabei waren neben dem Wagen des Quartiersmanagements noch Wägen des Zappelkomitees & der fahrenden Gerüchteküche, des Bündnisses Mietenwahnsinn, der Roten Champagner Fraktion („Weil Sekt nicht schmeckt – schon gar nicht im Grunewald!“) sowie dem Kollektiv Mami Wata mit dabei.
Ausführlicher Bericht auf der website von mygruni

Sammlung Stadtsanierung und soziale Bewegungen

Demo durch den Villenbezirk Grunewald unter dem Motto. „Demonstranten besuchen die Spekulanten“. 4.000 bis 5.000 Leute ziehen an den bewachten Villen von namentlich 22 bekannten Spekulanten vorbei, 23 Fensterscheiben gehen dabei zu Bruch. | 12. Juli 1981 | https://berlin-besetzt.de/#!id=665

zurück in die Jetztzeit:

Lust auf …
…. Bildung an der frischen Luft?
…. Corona-safen Spaziergang in illustrer Kulisse?
…. myGruni-Feeling?
… autonome Sozialarbeit?

Das Quartiersmanagement Grunewald präsentiert:

Audiowalk: „Grunewald, ick hör dir trapsen! – Spaziergang im Problemkiez“

—> Alle Infos & Downloads hier:

Der Audiowalk bietet mit 13 lehrreichen und unterhaltsamen Stationen
einen umfassenden Einblick in die Facetten der Reichtumskatastrophe.

Themen der jeweils ca. 5-minütigen Beiträge sind: Reichtumskatastrophe,
Zaunphilosophie, Klima & Reichtum, „Arisierung“, Chancen-Ungleichheit,
Neid, Höchstkultur, Kontinuitäten rechten Terrors in Deutschland,
Kolonialisierung, Mietenwahnsinn und das Polizeiproblem.

Zwischen den Beiträgen gibt es – als Wegbegleitung zur nächsten Station
– Musik der myGruniAllstars: The Incredible Herrengedeck, Pastor
Leumund, Die Tsootsies, Esels Alptraum, Quentz, Paul Geigerzähler


Jederzeit ganzjährig ganztägig machbar!!!

Wir wünschen einen angenehmen & radikalisierenden Aufenthalt im
Gefahrengebiet,

euer Quartiersmanagement Grunewald

1. Mai 1987

In den deutschen Single-Charts stand am 1. Mai 1987 der Song „You’re the Voice” des australischen Sängers John Farnham an der Spitze auf Nummer 1, in dem er u.a. singt:

We have the chance to turn the pages over
We can write what we want to write
We gotta make ends meet, before we get much older

You’re the voice, try and understand it
Make the noise and make it clear, oh, woah
We’re not gonna sit in silence
We’re not gonna live with fear, oh, woah

Übersetzung:

Wir haben die Chance, neue Seiten aufzuschlagen
Wir können schreiben, was wir schreiben wollen
Wir müssen das Ende erleben, bevor wir älter werden

Ihr seid die Stimme, versucht’s doch zu versteh’n
Macht Lärm und macht es klar
Wir werden hier nicht still sitzen
Wir werden nicht in Angst leben

(Übrigens wurde Song u.a. von Coldplay zusammen mit John Farnham gecovert:

Es ist nicht anzunehmen, dass die Kreuzberger*innen diesen Text -außerdem war es ja englischsprachig- im Kopf hatten, als sie es an diesem Tag „knallen“ ließen, aber irgendwie passte es schon.

Damals und heute haben die Ereignisse vom 1. Mai 1987 verschiedene Namen: „Kreuzberger Krawalle“, „Randale“, „schwere Unruhen“, „Der Erste Mai in Kreuzberg“ oder „Es war der erste echte Riot, den Berlin erlebte“,

Aber der Reihe nach.

Wie war die Situation vor/am dem 1. Mai 1987

Mieten

Die offizielle Aufhebung der Mietpreisbindung für Altbauwohnungen in Berlin (West) rückte näher und der Widerstand dagegen formierte sich. (Leider erfolglos: Am 01.01.1988 trat die Aufhebung dieser Mietpreisbindung in Kraft, ein weiterer Schritt zu einer Gentrifizierung in Kreuzberg – auch wenn das Wort noch nicht bekannt und benutzt wurde).

750-Jahr-Feier

Berlin wurde 1237 zum ersten Mal urkundlich erwähnt. Zum 750jährigem wollten die  Regierenden und die Volksvertreter*innen richtig „klotzen“ und viel Geld ausgeben. Bei Teilen der Bevölkerung Kreuzbergs, dem „ärmsten“ aber auch „widerständigsten“ Bezirk West-Berlins, ist dies nicht „gut angekommen“.

Volkszählungsboykott

Die Volksvertreter*innen der Bundesrepublik waren 1987 nicht gewillt, auf die Volkszählung trotz erheblichen Widerstands zu verzichten.

1983 scheiterte war die Volkszählung. Es ist eine wirklich sehr große und breite Volkszählungsboykott-Bewegung entstanden.  Kurz vor dem Stichtag stoppte das Bundesverfassungsgericht auf Klage von Hamburger Anwältinnen den Zensus und verkündete im Dezember 1983 dann das berühmte Volkszählungsurteil. Darin wurde der Datenschutz erstmals als Grundrecht anerkannt. Der Bürger habe ein Recht auf „informationelle Selbstbestimmung“,

1987 wurde mit allen Mitteln gegen den Volkszählungsboykott vorgegangen und das hieß in Berlin unter Innensenator Kewenig auch, die Kriminalisierung der Gegner_innen und den Einsatz von Verfassungsschützern inklusive Hausdurchsuchungen. So wurde der Mehringhof, in dem das Büro der Initiative zum Volkszählungsboykott untergebracht war, zum „terroristischen Umfeld“ erklärt und war damit vogelfrei. Dies, obwohl die Verweigerung der Teilnahme an der Volkszählung nur eine Ordnungswidrigkeit – so staatsgefährdend wie falsches Parken oder zu schnelles Fahren – darstellte.

In der Nacht zum 1. Mai 1987 um 4:45 Uhr brach die Polizei in den Mehringhof ein und durchsuchte die Büros der Boykott-Initiative und des Netzwerk Selbsthilfe e.V.

(1987 brach die Boykottbewegung nach Androhung von Zwangsmitteln (Bußgeldern) zusammen. Viele füllten aber die Volkszählungsbögen falsch aus.)

1. Mai-Demonstration des DGB

Vormittags bzw. mittags war es bereits zu Polizeiangriffen bzw. -übergriffen gegen den „Betroffenenblock“ bzw. „Revolutionären Block“ (früher „SchwarzRote Block“) gekommen. Die Teilnehmer*innen, eine Vielzahl aus Kreuzberg, sind danach zum Straßenfest auf dem Lausitzer Platz gezogen.

„Schönes“ Wetter und langes Wochenende

Der 1. Mai 87 fiel auf einen Freitag und mensch freute sich auf ein langes Wochenende, außerdem war es der erste richtig warme Tag des Jahres. Alle waren also eigentlich in guter Stimmung.

Die „Ausschreitungen“

Das traditionelle Straßenfest auf dem Lausitzer Platz verlief zunächst friedlich, allerdings war die Stimmung innerhalb der linken Szene auf Grund der Durchsuchung des VoBo-Büros und der Polizeiangriffe gegen den „Betroffenenblock“ gereizt.

Gegen 16 Uhr stand ein VW-Bulli der Polizei vor einer Kneipe Lausitzer Platz/Skalitzerstr., die Beamten sind gemeinsam auf Klo (?) gegangen. Und es kam angsichts dieser „Provokation“, wie es kommen musste: Der Streifenwagen wurde von Autonomen umgeworfen – dies war immer schon eine leichte „Übung“. Außerdem wurden von einigen „nachvollziehbar auf Krawall gebürsteten“ Männern Bauwagen auf die Straße geschoben.

Die Polizei, die „vorsorglich“ schon ein Großaufgebot bereitstehen hatte, ging massiv gegen die „Störer*innen“ vor – Deeskalation gab es im polizeilichen Sprachgebrauch noch nicht. Schon vorher mussten wir im Kiez die Erfahrung machen, dass die Polizei nicht groß „differenzierte“ und so wurde das noch laufende Straßenfest von dieser mit Schlagstock- und Tränengaseinsatz in die Auseinandersetzung mit einbezogen bzw. aufgelöst.

Und jetzt passierte, was niemand geahnt oder geplant hatte: Nicht nur die Autonomen nahmen den „Kampf“ auf, sondern die unterschiedlichsten Menschen. Ich kenne einige, die sagen „Ich habe nur einmal in meinem Leben Steine geschmissen, am 1.Mai 1987“

Darauf war die Polizei nicht vorbereitet und musste sich zurückziehen. Die Kämpfe zogen in die Skalitzer Str. vom Kotti bis Görlitzer Bahnhof und in die Oranienstraße vom Oranienplatz bis Görli. Diese Gebiete waren über Stunden „Bullenfrei“ und bestimmt von teilweise brennenden Barrikaden. Immer mehr Leute – Schaulustige und Kämpfer*innen“ – kamen in den Kiez, obwohl der BVG-Verkehr nach SO 36 eingestellt und von der Polizei weiträumige Straßensperren errichtet worden waren. Läden wurden geplündert und die Waren auf der Straße verteilt. Ältere Kreuzberger*innen beteiligten sich zwar nicht an den Kämpfen, nahmen aber die „Waren“ gerne in Empfang, wie auch ein Gemeindepfarrer später berichtete.

Einige (auch linke) Anwohner*innen schützten kleinere Läden und auch eine Apotheke vor Plünderungen, dennoch wurden nicht nur Supermärkte geplündert. Bolle am Görlitzer Bahnhof brannte ab, er war übrigens vorher vollkommen geplündert worden.

Der Autor dieser Zeilen, der kein Problem damit hat zuzugeben, auch „aktiv“ gewesen zu sein, möchte jetzt nicht weiter auf konkrete Situationen in diesen Stunden eingehen, sondern Bilanz ziehen:

Siebzehneinhalb Stunden dauerte es, bevor die Polizei die Lage wieder im Griff hatte. Laut einer Dokumentation der Sicherheitskräfte wurden 196 Beamte verletzt, außerdem vier Feuerwehrleute. 53 Personen wurden festgenommen. Über Verletzte auf Seiten des „polizeilichen Gegenübers“ gibt es keine Zahlen (?). 34 Geschäfte sind geplündert worden.

Wie oben schon erwähnt waren es nicht nur die Autonomen, die zu Steinen gegriffen, Barrikaden erbaut und geplündert hatten, sondern auch sehr viel Leute aus dem Kiez, denen mensch nicht eine „politische Motivation zur Gewaltausübung“ unterstellen kann. Sicher hat auch der Alkoholkonsum und die ansteckende Wirkung eines endlich mal durchbrochenen Ohnmachtsgefühls gegen die Staatsgewalt seine Bedeutung. Aber vor allem hat die Ereignisse an diesem Tag die Polizeiführung einschließlich des Innensenators Kewenig zu verantworten!

Hier ein Videobeitrag von Peter Wensierski/Ulrike Michels vom 12.05.1987 (ca. 10 Min.)

Und danach – mehr als nur Mythos!

Der 1. Mai 1987 wäre vielleicht nur eine Anekdote in der Geschichte eines Kiezes, wenn die Riots nichts „Bleibendes“ gelassen hätten und dies auf verschiedenen Ebenen.

Ich fange mal mit der Staatsgewalt an: Die Regierenden waren da ganz schnell und haben die Kreuzberger*innen – wobei wohl eher die Leute aus Kreuzberg 36 gemeint waren – zu „Anti-Berlinern“ erklärt. Weil diese ja das schöne Bild, was Berlin der Welt zur 750-Jahr-Feier liefern wollte, gestört hatten. (Über den Riot hat ja weltweit die Presse infomiert.) Kurzerhand wurden alle 750-Jahr-Feiern in Kreuzberg abgesagt.

Okay, wir haben dann im September 1987 ein eigenes Straßenfest auf dem Oranienplatz veranstaltet, bei dem die wichtigste Auflage war, den Platz „besenrein“ wieder zu verlassen. Bei diesem Straßenfest wurde nebenbei ohne viel Lärm und unbemerkt von der Polizei der Supermarkt am O-Platz leergeräumt und die „Waren“ an Festteilnehmer*innen verteilt – „Proletarischer Einkauf ist auch nach Ladenschluss möglich“ hat als Parole weitergelebt.

Im Juni 1987 war der US-Präsident R. Reagan zu Besuch in der Stadt. Am Tag vor seinem Besuch ist es bei einer Großdemonstration gegen die US-Politik zu Ausschreitungen gekommen, die zu stundenlangen Katz- und Mausspielen mit der Polizei in der Oranienstraße endeten. Am Tag des Besuchs wurde dann vom Innensenator Kreuzberg 36 für Stunden abgesperrt. Busse und U-Bahn fuhren nicht mehr aus und nach „36“, die Brücken und Straßen in den Kiez wurden blockiert. Die Kreuzberg*innen konnten ihren Kiez nicht verlassen. Und dies wurde propagandistisch mit Hinweisen auf die Ereignisse am 1. Mai begründet.

Siehe dazu: Gründung des „Büros für ungewöhnliche Maßnahmen“

Für die linksradikale Szene in Kreuzberg bedeute der 1. Mai 1987 sowas wie einen Neueinstieg. Nach der Hausbesetzer*innenbewegung, die mit der Räumung des letzten Hauses Ende 1984 endete, war erst mal relative Ruhe eingetreten. Diese war nun vorbei: Der Kampf gegen die Gentrifizierung – damals hieß es „Yuppisierung“ – wurde aufgenommen.

Ein Beispiel dafür ist die Kübel-Aktion gegen das Schikki-Mikki-Restauant „Maxwell“ in der Oranienstraße, bei der ein Eimer mit Scheiße mitten im Laden ausgekippt wurde. („Maxwell“ verzog sich danach aus dem Kiez.)

Auch wurden in den Jahren 1987 und 1988 wieder etliche Hausbesetzungen durchgeführt, aber meist ohne langanhaltenden Erfolg, da meist schnell durch die Polizei geräumt wurde. So u.a. mehrmals das Haus Reichenberger Str. 63a, das schon von 1981 bis 1984 besetzt war und im Oktober 1984 als letztes besetztes Haus geräumt wurde. (Die letztendlich erfolgreiche Besetzung  dieses Hauses fand 1990 statt.)

1. Mai-Demonstration

Seit 1988 fand am 1. Mai die autonome „Revolutionäre Demonstration“ in Kreuzberg statt. Auf Grund der auch für die radikale Linke überraschend massenhaften Teilnahme von verschiedenen Bevölkerungsteilen, einschließlich von Jugendlichen mit Migrationshintergrund, an den „Kämpfen am 1.Mai 1987 wurde das Konzept einer eigenen Demonstration entwickelt.

Die erste Demo dieser Art hatte neben dem allgemeinen Aufruf „Kampf dem Kapitalismus und Patriachat“ vor allem die Lebenssituation der Berliner, aber vor allem Kreuzberger Bevölkerung zum Thema. Unter der Parole „Bezahlt wird nicht“ wurde zu Mietstreik, Schwarzfahren, Volxstrom und Kaufhausklau“ aufgerufen.

Diese Demonstration wurde im Laufe der Jahre immer größer und auch internationaler. 1992 war sie mit über 20.000 Teilnehmer*innen sogar erheblich größer als die traditionelle DGB-Demo.

Für einige Teilnehmer*innen war es aber immer ein Versuch, die Ereignisse von 1987 zu wiederholen, d.h. Im Anschluss der Demo kam es immer wieder zu Randale. Dies hat dafür gesorgt, dass am 1. Mai die ganze Bundesrepublik „nach Kreuzberg geschaut“ hat, über Jahre war der erste Beitrag u.a. in den Tagesthemen immer ein Bericht über die Situation in Kreuzberg.

Die Geschichte „Der ersten Mai-Demonstrationen“ sprengt den Rahmen dieses schon sehr (zu?) langen Blogbetrags, daher endet er hier.

Weitere Informationen und auch einige Fotos findet ihr hier: Umbruch-Bildarchiv

Letzte Anmerkung:

1988 trafen sich Weltbank und Internationaler Währungsfonds in Berlin. Bis dahin fanden diese Treffen, bei denen die „Ausbeutung der Welt“ von Bänkern, Politker*innen und Investoren „geregelt“ wurden, ohne nennenswerten Protest statt. Von den Autonomen wurde aber gegen dieses Megatreffen 1988 erstmalig mobilisiert, ich würde sagen: Ziemlich erfolgreich!

Danach wurden gegen jeden „Gipfel von Politik und Kapital“ massenhaft mobilisiert und demonstriert.

Diesen „neue Form“ des Protestes gegen „Gipfel“ – wenn auch schon seit 1985 „vorbereitet“ – hatte sicher auch seinen Ursprung in den nach dem 1. Mai 1987 geführten Diskussionen und Erfahrungen.

Siehe dazu: Proteste gegen die Jahrestagung von IWF und Weltbank