Der 30. November 1997 ist nun schon eine gute Weile her, doch die Erinnerung daran wird manchen langjährigen Bewohner:innen noch in den Knochen stecken. Mehr oder weniger 18 Jahre Leben auf der Baustelle lagen hinter ihnen. Von 1981 bis 1984 Sicherung des Hauses nach jahrelanger Vernachlässigung. Dann Kampf um langfristigere Mietverträge. In der Zeit konnte ebenfalls nur mit Eigenmitteln an Öfen, Fenstern und Steigleitungen repariert werden. 1985 endlich ein Vertrag wenigstens über fünf Jahre, was Voraussetzung war; eine Unterstützung der Stadt für Instandsetzungsmaßnahmen. Nun konnten die anstehenden Arbeiten systematischer erledigt werden. Richtig los mit Instandsetzung und Modernisierung ging es nach Abschluss eines für dreißig Jahre abgeschlossenen Mietvertrags. Da wurde dann der Schwamm entschieden bekämpft, moderne Doppelfenster eingesetzt, der Dachboden ausgebaut und oben das Gründach installiert. Extra Wandisolierung, Regenwassersammelanlage und Blockheizkraftwerk rundeten das Werk auch ökologisch ab. Wie die Geschichte nach Ablauf der 30 Jahre weiterging, haben wir bereits beschrieben.
Von der Selbsthilfe existieren wenige Fotos; die Kameras waren nicht so allgegenwärtig wie heute. Doch den Zeitenwandel belegen diese Fotos von der Trockenlegung der Fundamente. In den neunziger Jahren war das noch Handarbeit. 2021, als wir endlich auch nach Abriss eines benachbarten Schuppens endlich an die Mauer rankamen, ist die gleiche Arbeit mit technischen Hilfsmitteln schnell erledigt, wie wir uns das in den 80ern noch nicht in den schönsten Träumen vorgestellt haben.
Was aber ist besser? Was ist anders? Keine und keiner kann sich heute vorstellen, diese harte Arbeit wieder zu übernehmen. Wir sind älter geworden, die Körperkraft schwindet dahin. Und auch der zeitliche Aufwand ist noch vorstellbar, ist doch das Arbeitsleben immer mehr verdichtet worden.
Und doch: Bis heute berichten alle mit leuchtenden Augen von der Aktion und schildern, wie sehr die gemeinsame Anstrengung die Leute auch zusammengebracht hat.
Selbsthilfeprojekt Hinterhaus | Abwasserleitung neu verlegen
Selbsthilfeprojekt Hinterhaus | Abwasserleitung neu verlegen
Selbsthilfeprojekt Hinterhaus | Trockenlegung des Fundaments
2021 Trockenlegung der Südwand des Hinterhauses
Selbsthilfe war ein großes Thema in den 80er Jahren und wurde entsprechend auch theoretisch viel begleitet. Hier nur eine kleine Auswahl:
Gäbe es die Bartholdische Meierei noch, jenes sagenhaft große Landgut, das sich der Bürgermeister Bartholdi 1686 vor dem Schlesischen Tor zulegte, dann würde das Haus an der Schlesischen Straße Nummer 13 genau an der Grenze dieses Landsitzes stehen, der sich von hier aus bis zum Lohmühlengraben erstreckte und dessen Expansionsdrang im Norden nur noch von der Spree und im Süden nur noch vom Landwehrkanal aufgehalten werden konnte.
Die Gegend vor dem alten Stadttor war noch freies Land, keine Zollmauer behinderte den Blick; die Schlesische Straße war noch auf keiner Karte eingezeichnet. Der Weg, der sich zwischen alten Gärten und kleinen Gartenhäusern bis zum Schlesischen Busch schlängelte, in dem sich allerlei Gesindel herumgetrieben haben soll, wurde von den Berlinern schlicht nach seiner Lage »Vor dem Schlesischen Tor« benannt. Die Häuser der Bauern und Gärtner lagen alle auf der südlichen Seite des Weges; hinter ihnen erstreckten sich schmale Äcker, Wiesen und Gärten bis zum Landwehrgraben, der ebenso wie die Schlesische Straße noch keine gerade Linie war, sondern ein sich durch die Wiesen schlängelnder Wasserlauf.
Mit der Bewirtschaftung durch den Großbauern Bartholdi entstanden neben den noch mit Stroh und Reet gedeckten Hütten kleiner Gärtner schon etwas stattlichere Gartenhäuser; im 18. Jahrhundert siedelten sich Färber und Stoffdrucker in der Gegend an, die auf den ungenutzten Uferwiesen der Spree ihre Stoffe in der Sonne bleichten. Aber erst während des großen Aufschwungs der Gründerzeit im 19. Jahrhundert bauten erfolgreiche Großindustrielle und erste Grundstücksspekulanten wie der Stadtrat de Cuvry, Heckmann oder der kleine Sprit- und Zuckerbaron Habel ihre Villen an den Rand der allmählich schon breiter und zielstrebiger gewordenen Schlesischen Straße. Nicht selten genehmigten sie sich den Luxus großer Gärten und Gartenhäuser auf der anderen Seite der Straße.
Das gegenwärtige Haus mit der Nummer 13 ist das einzige, das noch an die ehemaligen Landhäuser erinnert. Das 1827 von einem Maurer namens Radicke »an der Peripherie Berlins« gebaute Bauernhaus erhielt 1852 durch den Zuckerfabrikanten Habel ein zweites Stockwerk und einen Seitenflügel, später sogar ein Quergebäude.
Besitzer des kleinen Häuschens war der Zuckerbaron F.W. Habel, der schon in der Nähe auf einem Grundstück de Cuvrys eine seiner acht Zuckersiedereien eingerichtet hatte und auf der anderen Seite der Schlesischen Straße, auf den Grundstücken Nr. 18 und 20, Zucker kochte. Es gibt Quellen, die berichten, dass auch im Seitenflügel des Hauses mit der heutigen Nummer 13 Zucker fabriziert wurde. Sicher ist, dass 1870 der Schnapsbrenner C.A.F. Kahlbaum die Habelsche Zuckersiederei »mit malerischen Gewölben und ausgedehnten Lagerräumen« übernahm, um die beim Destillieren anfallenden Nebenprodukte zu Chemikalien weiter zu verarbeiten. Das Geschäft florierte, unablässig brodelte und dampfte es, bis sich die Anwohnerproteste wegen »erheblichen Gestankes der Fuselöle« so häuften, dass der Enkel mit der Firma ins ferne Adlershof übersiedelte, von wo aus »etwa 1.000 Kahlbaum-Reagenzien« den Namen in alle Welt trugen.
Ende des 19. Jahrhunderts waren die Zuckerbarone aus der Innenstadt verschwunden. In den Remisen, Ställen und Schuppen hinter Radickes altem Haus zogen die verschiedensten Handwerker ein. Es müssen derart viele gewesen sein, dass der Leutnant aus dem gegenüber liegenden 43. Polizeirevier eine Skizze von den verschiedenen Gewerben im Hof anlegte, um den Überblick über die Lage im Hof zu erhalten – so dicht reihte sich Werkstatt an Werkstatt.
Das Haus mit der Nummer 13 gilt heute als ältestes Haus Kreuzbergs. Etwas verloren wirkt es mit seinen zwei niedrigen Stockwerken und den altmodischen Giebelfenstern zwischen den hohen Fassaden der Mietshäuser. Man ahnt noch die alte Eingangstür zur Straße hinaus, in der Mitte zwischen je drei Fenstern rechts und links. Hinter dem Haus steht noch die steinerne Treppe, die einst in den Garten führte und im Treppenhaus schwingt sich noch eine hölzerne, knarrende Treppe in das zweite Stockwerk des alten Landhauses hinauf. Im Hof kündet ein Schild noch von der Schuhmacherei, die sich in den Sechzigerjahren zwischen Autoreparaturwerkstätten versteckte, bis 1975 das Haus geräumt wurde, weil es als einsturzgefährdet und »für Wohnzwecke ungeeignet« geworden war.
Es wäre wahrscheinlich, so wie all die alten Bauernhäuser in der Nachbarschaft auch, längst dem Erdboden gleichgemacht worden, um Platz für ein vierstöckiges Mietshaus zu schaffen, doch die 13 trotzte erfolgreich der Bauwut, bis 1987 die Internationale Bauausstellung eine Restaurierung ermöglichte. Schon 1936, als die Epa-Ag das Haus besaß und den Putz erneuern wollte, hatte Berlins Provinzialkonservator den geschichtlichen Wert des Gebäudes erkannt und auf die Wiederherstellung der alten Fassade bestanden. Zwar sind im Laufe der vielen Jahre Seitenflügel und Quergebäude zerstört und abgerissen worden, doch das Wohnhaus selbst, die Keimzelle der Nummer 13, hat alle Kriege unbeschadet überstanden.
1.Seit wann bist bzw. von wann bis wann warst Du hier und in welchem Bereich?
Ich bin seit 2014 auf der Fabrik und gehöre zur Bürogruppe. Angefangen habe ich mit Buchhaltung, doch inzwischen umfasst mein Arbeitsbereich auch unterschiedlichste allgemeine Verwaltungsaufgaben, Orga – eben alles, was vom Schreibtisch aus zu erledigen ist.
2. Welches ist Dein Lieblingsort auf der Fabrik?
Da gibt es bedingt durch die Jahreszeiten mehrere: Im Sommer das Podest auf dem Hügel, im Winter eher die Bank vor der Holzwerkstatt und ganzjährig der Platz vor dem Infobüro.
3. Mit einem Wort: Was ist die Fabrik für Dich?
fünf Worte: ein Zuhause mit unendlichen Möglichkeiten.
4. Lieblingsessen in der Kantine?
Enchilladas
5. Was wünschst Du der Fabrik zum Geburtstag?
Dass es sie noch viele weitere Jahrzehnte gibt! Dafür wünsche ich mir, dass wir den Weg in die Zukunft in einem guten Miteinander zwischen Jung und Alt gestalten. Ich habe dazu ein schönes Zitat gefunden: Tradition ist nicht die Anbetung der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers. (Jean Jaurés)