Die Dudenstraße Nr. 10

von Werner von Westhafen

Mit der schlichten Gestaltung wurde die Ära der »Neuen Sachlichkeit« eingeläutet. Doch die Schlichtheit kostete Milionen!

Als 1848 in Mainz die erste deutsche Buchdruckerversammlung tagte und der National-Buchdrucker-Verein ins Leben gerufen wurde, ging es den versammelten Arbeitern darum, einen gerechten Lohn für ihre Arbeit auszuhandeln. Noch heute gibt die IG-Medien vor, sich für die Rechte der Drucker und Setzer einzusetzen. Doch spätestens seit sich der Nachfolgeverband der Deutschen Buchdrucker zum Kauf einer eigenen Immobilie entschloss, war es mit der Arbeiterromantik vorbei.

Mit dem Argument, man brauche, um einen »graphischen Industrieverband zu schaffen«, ein eigenes Haus, »in dem man zusammenfinden« könne, versuchten die Bonzen, ihre Mitglieder von der Notwendigkeit der Investition zu überzeugen. Dahinter standen jedoch jene rein spekulativen und kapitalistischen Interessen, gegen die die Gewerkschaft bislang so vehement angekämpft hatte.
Im September 1924 erklärte der Vorsitzende, dass allein der Kauf der SPD-Druckerei in Leipzig und des Bürohauses in Kreuzberg die Gewerkschaft vor dem finanziellen Untergang gerettet hätte. Durch die Inflation war die »Papiermark« in den Kassen der Gewerkschaft ein »Kapital«, das »in kürzester Zeit nichts mehr wert gewesen« wäre.

Und um auch in Zukunft nicht zu verarmen, beschloss die Gewerkschaft, ein eigenes Gewerkschaftshaus in Berlin zu errichten. Gekauft wurde ein Grundstück in der damaligen Dreibundstraße, der heutigen Dudenstraße.

Bis zu diesem Zeitpunkt hatten sich die streitfähigen Drucker mit kleinen und kostengünstigen Mietwohnungen im Chamissokiez begnügt. Bis 1894 waren die Büros in der dritten Etage der Solmsstraße Nr. 31, später in der dritten Etage am Chamissoplatz Nr. 5.
Als letzteres zum Verkauf ausgeschrieben wurde, entschloss sich der Verband zu investieren, um sicher zu sein, dass man die Gewerkschaft »nicht auf die Straße setzt.« Für 246.000 Mark wechselte die Immobilie am 29. Juni 1921 den Eigentümer, erst 1982 wurde sie weiterverkauft.

Drei Jahre später kaufte die Gesellschaft das Grundstück an der ehemaligen »Straße Nummer 6, Abt. III« für abermals 277.500 Mark. In einer Rede hieß es, dass die Immobilie noch »an Wert gewonnen« habe, da nun auch die »Untergrundbahn bis dorthin geführt« werde.
Heute liegt der Wert des Grundstückes an der damaligen Dreibundstraße mit dem inzwischen unter Denkmalschutz stehenden Gebäude längst im achtstelligen Bereich. Finanziert wurde das Geschäft mit den Beiträgen der Mitglieder, die fast zwei Jahre lang wöchentlich 20 Pfennige mehr zu bezahlen hatten. Ein Betrag, der damals zu heftigen Kontroversen führte.

Dass der Verband der Buchdrucker einen so namhaften Architekten wie Max Taut beauftragte, der bei dem Bau nicht sparte, begründete der Vorstand damit, dass längerfristig betrachtet teures Material die beste Investition sei. Schon 1924 wurde mit den Arbeiten begonnen; die Kosten aber stiegen von den veranschlagten 800.000 Reichsmark auf 3 Millionen, wovon die Hälfte aus den Taschen der Mitglieder gekommen war.

Den Stararchitekten und seinen Bauleiter Franz Hoffmann interessierte es wenig, woher das viele Geld kam. Als nach zwei Jahren Bauzeit das »Verbandshaus der Deutschen Buchdrucker« mit seinem großen Saal im 5. Stock und dem »Sonnendach« mit den Liegestühlen, den 18 großen Wohnungen im Vorderhau und den hellen Maschinenräumen für die Drucker im Haupttrakt fertiggestellt war, zeigte sich die Presse landauf, landab begeistert. Man schrieb von der angebrochenen Ära der »Neuen Sachlichkeit«. Die Berliner Volkszeitung sprach von einer »Kulturtat«, die renommierte Weltbühne lobte die »von allen Formeln, Motiven und Interessantheiten absehende Gesinnung« und einen »urgesunden Organismus«, und die Vossesche Zeitung schwärmte, dass alles »auf den schlichten Ausdruck des Zwecks« ausgerichtet sei und feierte den Verzicht auf die wilhelminischen »Klunkerfassaden«.

Das beherrschende Formelement sind die rechten Winkel und der Verzicht auf jede Art von Schnörkel. Alles an diesem Haus ist rechteckig, wenn nicht quadratisch. Die Gullideckel, das Schachbrettmuster der Fliesen im Flur, selbst die großen, rechteckigen Fenster der Loggien im Vorderhaus mit den großen Wohnungen hat Taut nochmals in kleine Quadrate unterteilt. Das Taut-Haus in der Dudenstraße ist eine Ode an die Strenge der Symmetrie, eine Hymne an die Klarheit der geraden Linien. Lediglich das Treppenhaus mit dem Fahrstuhl im Seitenflügel scheint in seiner Verspieltheit aus Messing, Glas und schwarzem Granit etwas vom Prinzip der strengen Linienführung abzuweichen. Das Messinggeländer des Handlaufes an der Treppe schwingt sich wie ein Blütenstängel in die Höhe und die Messingknäufe an der zweiflügeligen, ganz gläsernen Fahrstuhltür sind tatsächlich rund, nicht etwa viereckig.

Jahrelang ratterten die schweren Maschinen im Haus der Drucker, wohnten Menschen friedlich im Vorderhaus, sang der 1879 gegründete Typographia-Chor mit seinen 200 Sängerinnen und Sängern in der Aula unter dem Dach. Dann brachen die Nazis, später die Russen in das Haus ein.
Stille kehrte ein. Nur allmählich begannen die Maschinen, wieder zu rattern und druckten das »Montagsecho«, das »Fleischerblatt« oder das »Petrosblatt«. In einem Traditionshaus, in dem die Büchergilde Gutenberg einst Jack London und B. Traven druckte.

Heute ist das Verdi-Haus in der Dudenstraße ein Bürohaus; die »Immobilienverwaltungsgesellschaft der ver.di mbH« begnügt sich damit, die Räume der Immobilie zu vermieten.

Vielen Dank an die

Kiezspaziergang zum neuen Denkmal „Wohnungslose Bühne“

Die Initiative „Leerstand-Hab-ich-saath“ und „Mietenwahnsinn Nord“ laden ein zu einem Kiezspaziergang zum neuen Denkmal „Wohnungslose Bühne“!

12.02.2022 um 13 Uhr Treffpunkt Habersaathstraße 48 in Berlin Mitte

Start ist die Habersaathstraße, die nach der Besetzung durch Wohnungs- und Obdachlose seit dem 30.12.21 für mehr als 60 Menschen ein neues zu Hause geworden ist. Die Häuser sollen abgerissen werden und bis dahin steht der Wohnraum zur Verfügung.

Wir wenden uns gegen die Zweckentfremdung von Wohnraum durch Leerstand überall und fordern alle Bezirke auf, diesen Missstand zu beheben und Leerstand für Wohnraum für obdachlose Menschen und Geflüchtete zu beschlagnahmen.

Von dort geht es ab durch Mitte zum Maxplatz, wo seit dem 10.12.2021 das Denkmal „die Wohnungslose Bühne“ steht. Es ist ein Ort der Sichtbarkeit für diejenigen, die  immer noch durch Wohnungs- und Obdachlosigkeit betroffen sind und die Opfer von Zwangsräumungen wurden.

Lasst uns gemeinsam durch Mitte gehen und für eine dauerhafte Habersaathstraße 40-48 und den Erhalt der „Wohnungslosen Bühne“ demonstrierend spazieren!

Denn wir haben noch viel mehr als nur den Leerstand satt!

Damals und heute | Kiezdrache gegen Verdrängung – Futura gegen AKW

Rund 1000 Menschen demonstrierten am 17. November 2018 mit einem leuchtenden Kiezdrachen gegen Verdrängung durch den Kreuzberger Kiez. Der Laternenumzug startete am Heinrichplatz und zog vorbei an widerständigen Hausgemeinschaften und Projekten, die durch teure Mieten und von Kündigung bedroht sind.

„Der solidarische Kiezdrache strahlt in vielen Farben, spricht alle Sprachen, hat ein großes Herz und scharfe Zähne, kann sich ganz klein und ganz lang machen, und teure Mieten, Mieterhöhungen und Kündigungen faucht er weg. Er fühlt sich besonders wohl in Kitas und sozialen Einrichtungen. Wenn sie von Verdrängung bedroht sind, fährt er seine Krallen aus. Der Kiezdrache wünscht sich mehr Platz für das Soziale, für Bildung und Betreuung. Er akzeptiert nicht, dass unsere Nachbarschaften von Renditejägern ausverkauft werden. Der Kiezdrache hängt auch in Nachbarschaftstreffs oder in seiner Stammkneipe rum, kehrt auf einen Plausch in den kleinen Läden ein, und kuschelt sich in all unseren Wohnungen gerne auf die Couch – darum kämpft er dafür, dass alle bleiben! (aus dem Aufruf von Bizim-Kiez)

https://www.bizim-kiez.de/blog/2018/11/19/1000-menschen-ziehen-als-kiezdrache-gegen-verdraengung-durch-kreuzberg/?cn-reloaded=1

Hier gibt’s auch einen kleinen Film der Abendschau.

Mich erinnert das an eine entfernte Verwandte des Kiezdrachens. Die Drächin Futura tauchte 1987 in den Berliner Straßen auf. Manche Demo hat sie bestritten, wie die gegen Tschernobyl.

Lang hat sie durchgehalten, doch am 14. August 2015 fand dann ein würdiger Abschied im Regenbogenhof statt: Die Drächin FUTURA wurde von ihren Schöpferinnen nach fast 30 Jahren, in denen sie Begleitung bei mancher Demo war, auseinandermontiert und verbrannt. Von alten Zeiten wurde erzählt und neue Lieder ihr zu Ehren gesungen.

chz

2016 | „Blackbocks“ | Lesung mit Mathes Bock im RegenbogenCafé

Dieter und ich hielten gar nicht erst an, sondern fuhren gleich weiter zum Hospital Municipal. Es war Mittwoch – kein Feiertag. Beste Karten, uns im Durchmarsch den Gelbfieberstoß abzuholen. Dachten wir. Ein bisschen war es dann ja auch so. Nur eben anders!
Auf einem langen leeren Flur empfing uns – immerhin sah das weiße Kärtchen am Kragen etwas nach Visite aus – im ersten Augenschein kein Arzt, sein bunt geringeltes T-Shirt ließ nicht mal auf einen Abiturienten schließen, einzig der Titel prangte auf seiner Brust.
Wenn sich der Doktor so jung hielt, was mochte er wohl erst aus seinen Patienten rausholen?
Umständlich machte er uns klar, dass sie hier zwar impften, Serum jedoch nur in einer Zehnerampulle vorrätig sei. Es fehlten gerade noch sieben weitere Abnehmer. Nächsten Mittwoch seien gewiss alle beisammen, so sah es aus: «Muschkila? – Muuusch Muschkila!»
Seine 1A-Zahnreihe legte uns aufmunternd die Hände um die Schultern, als er uns hinausführte.
Der Assekrim, der Bordj du Pierre de Foucauld. Niger hätte doch Zeit. Tam sei sehr schön.
Kaum vor Ort, verkam mein wunderbares Tamanrhasset zum Kaff – was zum Henker sollten wir hier fast eine Woche lang beginnen! Seit wir hierhin unterwegs waren, hatten wir kaum erwarten können, neue Saiten aufzuziehen und unser Chevaux über die Fantasia zu treiben. Nun würden wir hier verschimmeln. Das Pärchen hatte bestimmt besseres zu tun, als mit uns auf einen Schuss zu warten, der sie gar nichts anging. Der Fichè in unseren Händen war nicht mal sicher. Aus einer Woche konnten schnell mal eben drei werden.
Einzig die große Überfahrt würde unseren Seelenfrieden wieder herstellen.
Die Spielzeugwüste neben der Straße hatte uns angefixt. Wir brauchten mehr. Nicht noch einmal das gestreckte Zeug, das hinter uns lag. Wir wollten den richtigen Stoff, die wirklich sichelscharfen Dünen, Sandfelder, die Einsamkeit. Auch wenn es erst einmal nicht weiter ging, war doch eine Etappe erreicht und auch, wenn das niemand zugegeben hätte, waren wir mehr als froh, noch ein paar Tage sicher im Hafen zu liegen. Obschon am Rand der Wüste fühlten wir uns wie die Todesspringer auf dem Kliff von Accapulco – beklommen.
Merkwürdig, dass wir einen Ort der alles andere als Zivilisation vermittelte als sicheren Anker begriffen. Nach den Maßstäben unserer Mütter waren wir längst am Ende der Welt angelangt. Zwei Kilometer weiter war die Straße nach Europa zu Ende.
Und dann: Leinen Los! Wir würden unsere Nabelschnur trennen.
Auf den Spuren Mungo Parks, Rudolph Barths, Livingstons und wie sie alle hießen. Ich verstand, was sie einst getrieben hatte, gegen den Ruf ihrer Geliebten, Financiers und Könige, immer weiter in diesen Kontinent zu dringen gegen jeden Verstand und wider aller Vernunft. Als könne ich nicht einfach zurück, weil alles, was wir bisher aufgewendet, verschwendet schien, wenn es nicht weit genug reichte, das Unbekannte in seiner Gesamtheit zu begreifen.
Der Gedanke jedoch, noch eine Zeitlang der Mindestversorgung mit köstlichem Obst teilhaftig zu sein, hatte etwas für sich. So nörgelten wir ungeduldig wie Frühpubertierende, die kaum erwarten konnten, eigene Wege zu beschreiten, im Grunde aber gottfroh, dass es noch nicht richtig losging.
Eine Weile verschnaufen und noch mal kräftig zulangen. Wieder eine Wahnsinnstat!

Im Nachhinein finde ich keine Erklärung, was bei uns ausgesetzt hat oder warum – alles lief doch traumhaft.
Ich hatte mich gerade aklimatisiert, mehr noch: Ein Weg war gefunden, all den hässlichen Demütigungen zu begegnen, in die ich mich immer wieder hinein gezogen fühlte.
Die Pommes waren eine Wucht. Mit einem ordentlichen Schlag Ail’oli. Spezialrezept aus Suzannas Sippe. Wie gebannt verfolgte ich das wunderbare Werden dieses geheimnisvollen Gallerts. Keine halbe Stunde nach der Völlerei kündeten erste schweflige Eruptionen aus drei Mägen, dass rohes Vollei gar nicht unser Ding war.

Fotos: Mathes