Das Kubat-Dreieck

oder auch das Q-Bat-Freieck genannt

1988 | Das Lenné-Dreieck wird besetzt, eine Fläche auf der Westseite der Mauer, aber Staatsgebiet der DDR. West-Berlin will dort eine Verbindungsstrasse errichten, ein Gebietsaustausch mit der DDR ist geplant. Der Platz wird von den Besetzer*innen in Kubat-Dreieck umbenannt und eine Zeltstadt errichtet. Als die Westberliner Polizei am 1.7.1988 das Kubat-Dreieck räumt, fliehen die Anwesenden über die Mauer in den Osten.

Das ursprünglich und auch heute noch als Lenné-Dreieck bezeichnete Gebiet in Berlin lag nach dem Mauerbau zwar auf Westberliner Seite, gehörte aber eigentlich dem Staatsgebiet der DDR an. Über die Zeit entwickelte sich aus dem ungenutzten Niemandsland ein Biotop mit 161 verschiedenen Pflanzenarten. Westberlin plante auf diesem Gebiet eine Stadtautobahn (Teilstück der Westtangente). Im Rahmen dessen sollte ein Gebietstausch, der 16 Flächen (Enklaven) umfasste, zwischen Westberlin und der DDR stattfinden. Zusätzlich zahlte Westberlin 76 Mio. DM an die DDR. Stichtag der Gebietsübergabe sollte der 1. Juli 1988 sein.
Dies war Anlass für die Besetzung, an der sich Umweltschützer*innen, Punks, Autonome und weitere Linke aus Westberlin beteiligten. Die DDR hatte kein Interesse, die Besetzer*innen zu vertreiben oder wollte keinen Imageverlust gegenüber der Westberliner Linken riskieren. Die Westberliner Polizei hatte wiederum keine Berechtigung, auf das Gebiet zuzugreifen, dadurch ergab sich auf dem Lenné-Dreieck ein Freiraum, der sich zur Besetzung anbot. Das Angebot nahmen hunderte Leute dankbar an. Am 26. Mai errichteten sie auf dem Kubat-Dreieck die ersten Hütten. Der Name sollte an Norbert Kubat erinnern, der nach dem Riot in Kreuzberg am 1. Mai 1987 inhaftiert worden war und sich am 26. Mai 1987 in der Zelle das Leben nahm.

Auf dem Gebiet entwickelte sich ein buntes Dorf mit Hütten, Straßenschildern, VoKü´s, Gemüseanbau und vielem mehr. Die Westberliner Polizei zäunte das Gebiet ein und traktierte die Bewohner*iinnen von außen mit Wasserwerfern. Nachdem die Besetzer*innen hartnäckig blieben, startete die Westberliner Polizei am 20. Juni 1988 einen Großeinsatz, bei dem ca. 1000 Kartuschen Tränengas auf die Bewohner*innen abgeschossen wurden. Die Tränengasschwaden waren noch in Kreuzberg zu spüren. Der Angriff blieb allerdings nicht ohne Reaktion. Drei Tage später folgte der Gegenangriff, bei dem die Besetzer*innen mit Hilfe von Molotowcocktails einen Teil der Umzäunung niederrissen.
Am 1. Juli 1988 fand die Gebietsübergabe statt und die Westberliner Polizei begann bereits am frühen Morgen mit der Räumung.
Wie auf diversen Plenas im Vorfeld geplant, begann ein Teil der Besetzer*innen über die Mauer nach Ostberlin zu klettern, um die Westberliner Polizei ins Leere laufen zu lassen.
Die DDR war ebenfalls vorbereitet, half den knapp 200 Besetzer*innen über die Mauer und setzte sie in die bereitgestellten Transporter. Nach einem Frühstück und kurzer Befragung wurden die Mauersprüngler wieder zurück nach Westberlin gebracht.

Wir danken dem Umbruch Bildarchiv für diese Zusammenfassung. Mehr zu sehen und zu lesen findet ihr auf ihrer Seite.

Kreuzberg kocht

»Kreuzberg kocht« portraitierte 55 außergewöhnliche Menschen und Initiativen, Kulturprojekte und Vereine, die Kreuzberg heute prägen. In Interviews erzählen sie, wie sie neue Wege beschreiten, 
was sie antreibt und wie sie Schwierigkeiten überwinden.
Und: Sie alle verraten ein Lieblingsrezept zum Nachkochen. In den Topf und auf den Teller schauen lassen sich so unter anderem das Ballhaus Naunynstraße, die Ohrbooten und das SO36. Das Ergebnis: ein Mut machendes Buch mit Nähr- und Mehrwert!

Das Kochbuch war eine Idee aus dem Berliner Büchertisch

Die Regenbogenfabrik war darin in verschiedener Weise vertreten.

Wir beginnen die Dokumentation mit der Essensgruppe im Wohnhaus.

Gemeinsamer Tagesmittelpunkt – Essensgruppe in der Regenbogenfabrik

Im Hinterhaus der Regenbogenfabrik lebt eine heterogene Hausgemeinschaft. Die Mitglieder legen Wert auf eine ökologische Lebensweise und biologische Lebensmittel. Seit Jahren trifft sich eine feste Gruppe zum täglichen gemeinsamen Austausch und Abendessen.

Anna: Wie lange gibt es diese Essensgruppe schon?

Christine: Seit fast 30 Jahren. Als wir das Haus besetzt haben, war es für uns eine Selbstverständlichkeit, dass wir zusammen kochen. Ganz zu Anfang haben wir tatsächlich fürs ganze Haus in einer Küche gekocht. Da waren wir zu zweit und waren echt müde, als wir fertig waren. Das war auch längst nicht so eine schicke Küche wie hier. Was man sich eben so zusammensammelt, wenn man als Besetzer*in in so ein Haus geht.
Unsere Gruppe ist aus der Zeit übrig geblieben; auch, wenn die Zusammensetzung sich immer wieder verändert hat,

Anna: Wie habt Ihr die Essensgruppe organisiert?

Christine: Wir sind jetzt 10 Leute, zwei davon sind Kinder, die zwar mal mithelfen, aber die zählen in der Organisation nicht als volles Mitglied. Pro Tag ist einer oder eine von uns zuständig für den gesamten Küchenablauf; das heißt, es muss gesichert sein, dass das Frühstück am nächsten Tag da ist. Es muss das Abendessen gekocht und danach die Küche aufgeräumt werden. Eine*r ist zuständig und ich kann mich sechs Tage die Woche bequem hinsetzen und am siebten Tag bin ich eben die Köchin. Das funktioniert recht gut; auf diese Weise muss jede*r nur drei oder vier Essen kochen können. Es kommt einfach eine Vielfalt auf den Tisch.

Anna: Welche Bedeutung hat das Essen in der Gemeinschaft?

Christine: Es heißt ja Essensgruppe. Und das Essen ist erst mal die Sache, die wir miteinander teilen; den sonstigen Alltag nicht unbedingt. Es ist was anderes als eine WG, wo man sich ja noch über andere Dinge wie Putzen oder so unterhalten muss. Hier ist es klar geregelt. Beim Abendessen ist ganz klar, das soll einmal am Tag eine gemeinschaftliche Sache sein, wo man sich trifft und austauscht. Über das Essen organisiert sich die Gemeinschaft, weil man viel voneinander mitkriegt. Und dann ist es uns natürlich auch wichtig, dass es gute Zutaten sind, dass es für uns und die Umwelt gesund ist. Wir unterstützen den ökologischen Landbau eigentlich seit vielen Jahren. Früher bestellten wir die Lebensmittel aus dem Wendland, um dort die Leute zu unterstützen. Jetzt bestellen wir aus dem Berliner Umland. Was wir nicht direkt aus den Lieferungen kriegen, das kaufen wir in der LPG. Das sind die zwei Hauptaspekte: Etwas zu haben, was den Tagesmittelpunkt für uns gemeinsam bedeutet, egal wo wir sonst den Tag über sind. Und, dass wir so wirtschaften, dass wir uns ökologische Lebensmittel auch leisten können.

Anna: Zeitlich und finanziell bedeutet so eine Gemeinschaftsküche ja eine große Ersparnis. Kannst Du Dir eine Gemeinschaftsküche auch in einer „normalen“ Hausgemeinschaft vorstellen?

Christine: Ich kann mir das natürlich schon vorstellen. Ich diskutiere das oft mit Besucher*innengruppen. Die empfinden das als sehr schwer, sich darauf einzulassen, so einen Raum zu teilen; wenn man die Küche so ganz und gar als sein eigenes Reich empfindet, wo das da steht und jenes dort.
Bei einer Gemeinschaftsküche regelt sich das irgendwann. Die Generation meiner Mutter zum Beispiel ist im Krieg aufgewachsen und hat die Nachkriegszeit erlebt und auch so etwas wie Zwangsbewirtschaftung beim Wohnen. Da waren Menschen gezwungen, die Küche zu teilen. Das war eine Notzeit. An so etwas denken viele, wenn sie Gemeinschaftsküche hören. Wenn das auf freiwilliger Basis geschieht, muss man sich vielleicht eine Weile aneinander gewöhnen, dann funktioniert das aber sehr gut. Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, da war es total „cool“, in einen Kibbuz zu reisen. Da gab es oft eine Zentralküche für ein ganzes Dorf. Wo man nur in die Kantine ging und die einzelnen Wohnräume manchmal gar keine Küche hatten. Das sind Formen, die sich nicht durchgesetzt haben. Es scheint nicht so einfach zu sein.

Johns Remoulade mit Fisch und Gemüse

FÜR 4 PERSONEN

Remoulade
200 g Joghurt
200 g Mayonnaise
5 Gewürzgurken, fein gewürfelt
½ Bund Schnittlauch, in kleinen Ringen
Salz, Pfeffer

Fisch
500 g Seelachs- oder Rotbarschfilet
1 Zitrone
1 EL Olivenöl
2 Zwiebeln, in Ringen
300 g Möhren, geschält und in Scheiben
300 g Tomaten, geviertelt
etwas Butter
Salz, Pfeffer, Paprika (edelsüß), Kräuter der Provence

Beilage: Salzkartoffeln

1. Alle Zutaten für die Remoulade mischen und mind. 1 Std. ziehen lassen.
2. Den Fisch waschen, trocken tupfen, beidseitig mit Zitrone einreiben und würzen.
3. Eine Auflaufform mit Olivenöl einfetten. Mit Zwiebeln, Möhren und Fisch füllen, die Tomaten am Rand in die Form legen. Nach Belieben Butterflocken auf den Fisch geben.
4. Bei 200 °C ca. 30-45 Min. auf mittlerer Schiene backen.
5. Den Fisch zusammen mit Gemüse, Salzkartoffeln und Remoulade servieren.

Women in Exile

‚Women in Exile‘ ist eine Initiative von Flüchtlingsfrauen, die sich 2002 in Brandenburg zusammen gefunden haben, um für ihre Rechte zu kämpfen. Sie haben entschieden, sich als Flüchtlingsfrauengruppe zu organisieren, weil sie die Erfahrung gemacht haben, dass Flüchtlingsfrauen doppelt Opfer von Diskriminierung sind: Sie werden als Asylbewerberinnen* durch rassistische Gesetze ausgegrenzt und als Frauen* diskriminiert. Der Kampf dagegen wird von geschlechtergemischten Flüchtlingsselbstorganisationen ihrer Erfahrung nach wenig mitgetragen, da diese häufig von Männern dominiert sind, die andere Themen als wichtiger ansehen.
Women in Exile e.V. wurde 2011 in Potsdam gegründet und ist als gemeinnützig anerkannt.
2011 baute ‚Women in Exile’ die Gruppe ’Women in Exile & Friends‘ auf, in der auch solidarische Aktivistinnen ohne Fluchthintergrund mitarbeiten.
Gemeinsam tragen sie flüchtlingspolitische Forderungen aus feministischer Perspektive an die Öffentlichkeit. Zum Beispiel mit der Kampagne „Keine Lager für Frauen und Kinder! Alle Lager abschaffen!“.
In diesem Netzwerk treffen sie sich jeden ersten Samstag im Monat um 13 Uhr in Berlin oder in Potsdam, um Strategien und Aktionen der Kampagne zu diskutieren und umzusetzen.
Wenn ihr die Kampagne unterstützen wollt, seid ihr, wie sie in ihrer Homepage schreiben, herzlich willkommen, an diesen Treffen teilzunehmen.

Wir haben uns entschlossen, dieses Beispiel von Selbstorganisation an diesem 24. Juni im Blog zu veröffentlichen, weil sich heute zum siebtem Mal die Räumung der Gerhard Hauptmann Schule jährt.

Einige der Flüchtlinge konnten sich damals auf das Dach zurückziehen. Sie drohten zu springen, wenn das Gebäude geräumt wird. Der gesamte Block blieb eine Woche komplett abgeriegelt. Ca. 1000 Polizisten waren im Einsatz.

Wir sind voller Bewunderung für Mut und Stamina der Frauen und sind sicher, eine bessere Welt ist möglich: Fluchtursachen richtig bekämpfen!

Christine

Als wir, die Hausgemeinschaft „Hinterm Regenbogen“,

im November 2020 auf die Unterschriften unter den Kaufvertrag anstoßen konnten …

… da blickten wir auf drei intensive Jahre zurück. Eine Zeit voller Forscher*innendrang (Welche neue Eigentumsform wollen wir? Wie lässt sich das alles finanzieren? Wie machen andere das?) und banger Fragen trotz großem Optimismus – und auf die Erfahrung von viel Solidarität.

Ein Bericht über ein neues Projekt und zugleich eine Menge Stadtgeschichte

Um den übrigen Genoss*innen unser Haus und unseren Weg in die SelbstBau vorzustellen, möchte ich gern auch etwas über dessen Kontext erzählen. Und so startet unsere Geschichte rund hundertfünfzig Jahre vor dem jetzigen Korkenknallen.
Damals wuchs Berlin in einem wirklich atemberaubenden Tempo. Hier in der Südlichen Luisenstadt waren gerade noch Gärten angelegt worden. Auf unserem Grund und Boden muss mal eine Ölmühle gestanden haben. Doch dann wurden die großen Straßen geplant, die Reichenberger, die Wiener und ihre Seitenstraßen. Die Grundstücke wurden parzelliert, verkauft, weiterverkauft. Wir haben heute viel Wissen über Spekulation, unsere Altvorderen haben darunter wahrlich auch schon gelitten. Das Spekulationskarussell wurde in unserer Gegend in den achtziger Jahren des vorletzten Jahrhunderts erst mal angehalten, verbunden mit einer größeren Investition: In unserem „Block 109“ entstand ein Dampfsägewerk und ringsum Wohnungen und andere Gewerbeimmobilien in der Manier der schon damals so genannten „Kreuzberger Mischung“. Baumeister bekamen den Auftrag, Maurer und Zimmerleute kamen, Schiffer brachten die Ziegel aus dem Umland. In „unserer“ Fabrik wurden die über den Landwehrkanal angelieferten Bäume zu Balken und Brettern verarbeitet.

Wir wissen heute nicht mehr, wie viele Menschen damals in unseren Wohnungen lebten; sicher waren mehr als vierzig (ich zähle 36 Wohnungen = als 100?) Menschen hier im Haus. Haben doch ganze Familien, inklusive Schlafburschen, in einer Stube mit Küche und Außenklo ihr Leben organisieren müssen. Gekommen waren sie von weit her, womöglich aus Schlesien. Was haben sie dann alles erlebt! Soziale Kämpfe im Kaiserreich, Sozialistengesetze, langsamen Fortschritt und bescheiden steigenden Lebensstandard. Dann Krieg, Revolution, die sogenannten Goldene Zwanziger, Nationalsozialismus, nochmal Krieg. An vielen Stellen musste die Stadt danach notdürftig repariert werden.
All das hat unser Haus irgendwie halbwegs unbeschadet überstanden. Doch Anfang der achtziger Jahre sollte es abgerissen werden.

Die seit den Sechzigern verfolgte neue Stadtentwicklung war ehrgeizig; die alte Gründerzeitstadt mit ihrer oft krankmachenden Mischung von Gewerbe und Wohnen sollte verschwinden und der modernen Stadt Platz machen. Viele ehrenwerte Motive gab es, doch auch viel Geschäftemacherei.

Weiter draußen entstand das Neue in der Gropiusstadt und im Märkischen Viertel. Ich stelle mir vor, wie gerne viele Menschen die alten Löcher ohne Klo, geschweige denn Bad, hinter sich ließen. Manche aber wollten einfach bleiben. In die leer gewordenen Häuser zogen ganz andere Leute ein, die neuen migrantischen Arbeiter*innen, die Künstler*innen, die Bundeswehrflüchtlinge und Studierenden, die Sucher*innen nach neuen Formen des Zusammenlebens. Sie entdeckten so viel Potenzial in den nun als alt und schmuddelig geltenden Gemäuern, sahen die Solidität in dem von den Modernisierer*innen verächtlich gemachten Quartier. Auch außerhalb von Kreuzberg fing neues Denken an: Behutsame Stadterneuerung statt brutalem Abriss und weiterer Zerstörung von gewachsener Nachbarschaft.

Entscheidend hierfür waren insbesondere die Aktivist*innen im Kiez, organisiert im Verein SO36 und in der gleichnamigen Bürgerinitiative. Gut vernetzt waren sie mit den fortschrittlichen Architekt*innen, die sich schon in den siebziger Jahren in der „Rote Zelle Bau“ verbündeten und ihren Weg nicht zuletzt in die Internationale Bauausstellung fanden.

Die Geschichte der Besetzung der Regenbogenfabrik und der Häuser ringsum ist oft erzählt. Von den Aktivist*innen, die die Machenschaften der „Vogel-Braun-Gruppe“ (diverse Gesellschaften zum Zweck der Steuerersparnis) stören wollten und sich Unterstützung von befreundeten Gruppen suchten.
Und so kamen wir hier in verschiedenen Gebäuden zusammen; wenige kannten sich schon vorher. Und dann haben wir einfach gemacht, was anlag. Uns den Zugang sichern und dann die Türen wieder reparieren. Die Öfen zum Wärmen bringen und die geborstenen Fenster winterfest machen. Regeln in unser Zusammenleben bringen und nach außen unser Bleiben sichern. Kontakt zu den Nachbar*innen finden, die Jugendlichen kennenlernen, die die Fabrik schon lange besetzt hatten, und „Pat*innen“ finden, wie das benachbarte Stadtteilzentrum, die GEW und die Ölberg-Gemeinde.

Begleitet haben uns immer wieder Expert*innen, die uns bewundernswert geduldig anleiteten, die schwierigen Wege in Politik und Verwaltung kennenzulernen und uns dabei unterstützten, unseren Weg in Selbstverwaltung und Basisdemokratie zu finden.

Nach drei Jahren Hausbesetzungsbewegung wurden 1984 die letzten Häuser geräumt oder legalisiert. Haus und Fabrik waren aufgrund der verwickelten Situation unter den letzten zehn.

Das gleiche Bündnis verhalf uns dazu, an die Mittel zu kommen, um ab 1985 unser Haus im Rahmen der Selbsthilfe instandzusetzen.
Wieder fingen wir als Gruppe auch ein bisschen von vorne an. Einige verließen uns, denn sie wollten Politik machen und nicht in der Selbsthilfe versauern, andere kamen genau, um handwerklich mit anzupacken. Ich finde, wir haben da so einiges geschafft. Uns neu finden, die Regeln bekräftigen und pflegen, die ganze Arbeit stemmen – und die Kinder nicht zu vergessen.

Verrückterweise hörte es so schnell nicht auf mit dem Bauen, nach der Instandhaltung kam die Modernisierung. Wieder haben wir Jahre geschuftet und auf der Baustelle gelebt und bemerkenswerterweise sind wir weder pleite gegangen noch haben wir uns über Gebühr die Augen ausgekratzt. Keine*r ist mit der Baukasse durchgegangen und wir haben in den vielen legalen Unzulänglichkeiten unsere Autonomie und unsere Gleichberechtigung bewahrt. Wir haben unsere Regeln aufrechterhalten und beschließen weiterhin, was nötig ist, im Stockwerk und im Plenum.
Wir sind sogar Strommüller geworden und besitzen nun schon das zweite BHKW. Ohne die Heldentaten unserer Architekt*innen und die Unterstützung durch kluge Bauleitung wäre das auch nicht so einfach gewesen.

In all dem Positiven muss auch Erwähnung finden, dass wir daran gescheitert sind, die Besitzverhältnisse frühzeitig zu unseren Gunsten zu verändern. Ein Kauf unseres Hauses war aus verwickelten Gründen nicht möglich. Wir hätten uns damals wohl auch nicht die mutigen Entscheidungen vorstellen können, die wir heute treffen. Und nach einer Zeit der Konsolidierung – viele Kämpfe gingen rund um die Regenbogenfabrik weiter – haben wir vor zehn Jahren feststellen müssen, dass unser Haus verkauft worden war.

So haben wir nun unsere neuen Eigentümer kennenlernen können, dürfen, müssen. Mbjc GmbH, was kann das denn sein?
Wir starteten die Recherche und entdeckten, dass es sich um eine Familien-GmbH handelt. Da hatte es anderswo im Kiez nicht unbedingt gute Erfahrungen gegeben. Unsere Skepsis wuchs.

Die Laufzeit unseres letzten Vertragswerks neigte sich ihrem Ende zu und wir fingen an, darüber nachzudenken, wie es um die Zukunft bestellt sein kann, mit der neuen Eigentümerschaft, die anfangs geäußert hatte, nicht verkaufen zu wollen.

Das änderte sich, als wir im Plenum über die notwendigen Trockenlegungsmaßnahmen im Keller nachdachten. Ganz offensichtlich war da Handlungsbedarf und es würde einiges kosten. Das war das erste Mal, dass wir eine notwendige Investition unter der Perspektive des endenden Vertrages sahen. Würden wir in vier Jahren überhaupt noch die Instandhaltungspflicht haben? Würden wir unsere Selbstbestimmung behalten? Lohnte sich unter dieser Perspektive unser Engagement?

Wir nahmen wieder Kontakt auf mit den Eigentümern in Wien, um eine Verlängerung und langfristige Sicherung unseres Vertrages zu unseren Bedingungen zu erwirken. Da schlugen wir uns schon vor drei Jahren mit den technischen Tücken der internetbasierten Kommunikation (Skype) herum. Und dann kam der erstaunliche und durchaus unerwartete Satz: „Ich könnte das Haus ja auch an Sie verkaufen.“

Da gab es kein langes Zögern, dieses Angebot musste angenommen werden. Und damit fing eine sehr aktive Phase an. Wir hörten uns herum in ALLE Richtungen. Sprachen mit Genossenschaften, dem Mietshäuser Syndikat, mit Banken, über die Steuer und schon in der ersten Phase auch mit Pit Weber. Mit ihm waren wir durch den Sprecher*innenkreis des 2007 gegründeten Solidarfonds für Berliner und Brandenburger Hausprojekte verbunden. Das war damals eine gute Erfahrung, das machte Mut auf mehr.

Wir beauftragten einen Gutachter zur Kaufpreisermittlung und waren dann schon sehr schockiert darüber, welche Preise in Berlin in diesen Zeiten aufgerufen werden. Wir lernten, dass die Preisvorstellungen der Eigentümer keinesfalls jenseits von Gut und Böse waren. Wir organisierten uns neu, neben das Plenum trat die Koordinationsgruppe. Um nach außen aktiv sein zu können, gründeten wir den Verein „Hinterm Regenbogen“.

Wir dachten darüber nach, wer uns unterstützen könnte bei der Kaufpreiserbringung und waren glücklich darüber, wie viel Solidarität von Freundinnen und Freunden ausgedrückt wurde. Da schien vieles schon machbar. Auch die Gespräche mit der GLS Bank signalisierten, dass da was möglich wäre.

Letztendlich ist ein anderer Weg der gesellschaftlichen Solidarität zum Zuge gekommen. Die Finanzierung des Kaufpreises ist uns nun ermöglicht durch die Bewilligung eines öffentlichen Darlehens im Rahmen der „Verwaltungsvorschriften für die Durchführung eines Projektaufrufs zur Förderung genossenschaftlichen Wohnungsbaus in Berlin 2019“. Es ist gar nicht zu ermessen, wie viele Leute da an wie vielen Hebeln gezerrt haben.

Früh schon war die Stiftung trias mit im Boot, die wir ebenfalls durch den Solidarfonds für Berliner und Brandenburger Hausprojekte schon kennengelernt hatten. Für einen unserer Mitbewohner eröffnete sich dadurch eine besondere Perspektive. Schon lange suchte er einen Weg, wie er sein Erbe in die Sicherung unseres Hauses einbringen konnte. Dazu sagt er: „Eigentlich handle ich da völlig eigennützig. Ich möchte nicht alleine, sondern in einer pluralen, vielfältigen Gemeinschaft leben. Und wenn ich das Erbe, das ich nicht verdient habe, dafür einsetzen kann, umso besser.“
Der Eigentumsübertrag war ein Baustein der Finanzierung. Stiftungszweck der trias ist es, Grund und Boden „auf ewig“ der Spekulation zu entziehen. M. konnte so loslassen, was er nie haben wollte.

Was musste noch alles vertraglich geregelt werden?
Das Erbbaurecht wurde von den Eigentümern „eingesetzt“ und der trias übertragen. Danach konnte ein Erbpachtvertrag zwischen trias und SelbstBau e. G. abgeschlossen werden. Gleichzeitig wurde das Gebäude von der Eigentümerin mbjc an die SelbstBau e. G. verkauft.
Alles klar, oder?

Ein Wort noch zur bisherigen Eigentümerschaft. Unter Ausnutzung der Situation auf dem Berliner Wohnungsmarkt haben sie sowohl durch jahrelange Miete ohne Verpflichtungen zur Instandhaltung, als auch durch den hohen Verkaufserlös ohne eigene Anstrengung ein Vielfaches von dem eingenommen, was sie vor zehn Jahren beim Kauf investiert haben.
Wir hadern damit und haben doch zu akzeptieren, dass solches Handeln in unserem Staat legal ist.

Wir haben einen Verhandler erlebt, der in einigen Details seinen Vorteil nicht vergaß, doch im Grundsatz zu seinen Zusagen stand. Wir mussten eine sehr lange Zeit geduldig bleiben, um die wegen der Spekulationssteuer entstehende Frist abzuwarten. Was hätte in dieser Zeit noch alles passieren können. Doch im Wesentlichen sind nun die vor drei Jahren verhandelten Eckwerte in das Vertragswerk eingeflossen. Das ist zu loben.

Wir können mit einer moderat steigenden Miete in die neuen Zeiten eintreten und es gibt einen Plan für die nächsten zwanzig Jahre. Im Vergleich zu den allgemeinen Erwartungen können wir annehmen, damit recht günstig davonzukommen.

Wir schlagen also ein neues Kapitel auf in der Geschichte unseres Hauses und unserer Gemeinschaft. Wir werden Genoss*innen! Nicht alle, und das macht uns schon was aus. Das erste Mal in unserer Geschichte gibt es in dieser Konstruktion „echte“ Mieter*innen bei einer externen Organisation, der Genossenschaft, und eventuell unfreiwillige Untermieter*innen bei Einzelnen von uns. Wir wollen aber Gleichberechtigung und unsere internen Entscheidungsstrukturen sichern. Dabei helfen wird uns, dass wir uns einen Binnenvertrag geben werden und wir unser Modell der Konsensfindung überarbeiten.

Wir freuen uns darauf, als sechsundzwanzigstes Haus unseren Platz in der SelbstBau zu finden.
Wünschen wir uns das Beste, was das Leben bieten kann: Lernen wir weiter!

Christine Ziegler

Der Artikel erscheint im Sommer im Mitgliedermagazin der Selbstbau e.G.

https://selbstbau-eg.de/die-selbstbauerin-der-selbstbauer/