RegenbogenKino: vom Anfang

Hoch spannt sich ein Regenbogen bis in die Wolken – letztlich verflüchtigt er sich doch, wie andere Fata Morganen auch. Darum vielleicht empfiehlt die bekannte Volksweisheit auf dem Boden zu bleiben, und spricht vom Schatz ‚am Fuße‘ des Regenbogens. Und hier unten versucht das Kino, das sich Regenbogen nennt, seine Schätze auch zu finden: keine Luftspiegelungen, Lichtbrechungen, Sinnestäuschungen und Illusionen, sondern schlicht Filme, die dem Zuschauer das SEHEN nicht verwehren. „Film ist Wahrheit, Film ist Politik. 24 mal in der Sekunde“. So zitiert das Regenbogenkino Jean-Luc Godard; nach entsprechenden ‚Schätzen‘ graben die beiden Kinoleute Achim und Michael nicht nur in über 40 Verleihkatalogen, sondern auch in Schubladen unbekannter Filmemacher. Kino von unten heißt unterm Regenbogen: Schatzsuche.

So beginnt ein Portrait des RegenbogenKinos, geschrieben von Michael Brintrup. Es ist wohl in der taz veröffentlicht worden, doch das können wir nur erraten; der Artikel ist feinsäuberlich ausgeschnitten und dabei ‚zeitlos‘ geworden. Wir tippen auf das Jahr 1982.

2021 wird das Kino Anfang September wieder den Betrieb aufnehmen. Mehr dazu demnächst auf der Homepage: www.regenbogenkino.de

Hausbesetzerinnen einer anderen Art

Spektakulär und richtig laut wurde es im Herbst 2012, in der Stillen Straße 10 (!) in Berlin-Pankow. Sie heißt wirklich Stille Straße. Nachdem der Bezirk angekündigt hatte, das Haus wegen leerer Kassen verkaufen zu müssen, besetzten ungefähr 40 Aktivist*innen, ganz überwiegend Frauen zwischen 67 und 96 Jahren, ihren Freizeittreff, weil sie sich das nicht gefallen lassen wollten. „Dieses Haus ist besetzt“, schrieben sie auf ein großes Transparent, zogen in die Villa ein und machten so weltweit auf sich aufmerksam. 112 Tage lang campierten sie auf Gartenliegen und Luftmatratzen, obwohl man ihnen die Heizung abgedreht hatte und sie ständig in Sorge waren, dass die Polizei kommen und das Gebäude räumen würde. Aber die traute sich nicht so recht, so ungewöhnlich war das Besetzer*innenpersonal. Die Polizist*innen dachten: Mitglieder der Hausbesetzerbewegung sehen anders aus. Die Presse und andere Medien haben sie zunächst nicht ernst genommen. Erst als auch internationale Zeitungen, Rundfunk- und Fernsehanstalten aufmerksam wurden, ihr Protest um die Welt gegangen ist, schwenkten die Medien um und die Alten wurden zum Medienstars, besonders wegen ihres Durchhaltevermögens. Der Standard, eine Zeitung in Österreich berichtete: „Oma und Opa organisieren Occupy“. Enkel fanden die Aktion „voll cool“. Um den Mut der Alten zu unterstützen, unterschrieben 11.685 Menschen die Petition gegen die Schließung der Stillen Straße. Da wurde es auch den verantwortlichen Stadtbezirksvertretern etwas mulmig in ihrer Haut. Schließlich heißt es doch, jede Gesellschaft muss sich daran messen lassen, wie sie mit ihren Alten umgeht.

 „Gemeinsam können wir eine Bewegung werden“, sagte eine Besetzerin. Mit vielen kreativen Aktionen stritten sie – auch gemeinsam mit vielen jungen Unterstützer*innen – für eine menschenwürdige Zukunft. Sie machten ganz neue Erfahrungen im Umgang mit jungen Unterstützer*innen, die sie zunächst für durchgeknallte Punks hielten und die Jungen machten ganz neue Erfahrungen mit den Älteren, die ihnen doch zu oft als ewig nörgelnde Alte präsentiert wurden. „Wir bleiben alle“, das war der Slogan, den die „rebellischen Rentnerinnen von Pankow“ – ebenso wie die Hausbesetzer*innenbewegung und die Mieterinitiativen und die Bewegung der Flüchtlinge – im Jahr 2012 und später auf ihre Transparente schrieben.

Am 18. Oktober 2012 beschloss der Finanzausschuss der Bezirksverordnetenversammlung, dass die Verhandlungen für die Übernahme durch einen neuen Träger beginnen können. Die Senior*innen erhielten die Möglichkeit einer befristeten Zwischennutzung von zwölf Monaten.

„Unsere Standhaftigkeit und Eure Solidarität haben sich gelohnt. Wer sagt denn, dass man in der Welt nichts mehr ändern kann? Egal wie alt oder jung, wir sind für unsere Überzeugung eingestanden!“, schrieben sie an ihre Unterstützer*innen (auch an mich), als sie zumindest einen Teilerfolg erreicht hatten. Es war eine lange Liste von Organisationen und Vereinen – Jungen und Alten, Jugendorganisationen, Künstlergruppen und Genossenschaften -, die auf der Liste der Unterstützer*innen standen. Nun luden sie zur Feier zum Ende der Besetzung ein.

Ruhe haben sie auch weiterhin nicht gegeben, ihre regelmäßigen Treffen behielten sie bei. Auch beteiligten sie sich gemeinsam mit Kotti und Co. und den Bewohner*innen der Palisadenstraße in Berlin, die ebenfalls um ihre Wohnungen kämpften, an den „Krachdemos“ in Kreuzberg. Durch dieses Bündnis wollten sie verdeutlichen, dass die vielfältigen Kämpfe miteinander zusammenhängen. Es sind Kämpfe für eine demokratische Stadt, die nach den Bedürfnissen der Bewohner*innen ausgerichtet ist. Der Freizeittreff wird nach einigen weiteren Auseinandersetzungen vom Förderverein Stille Straße 10 e.V. in Kooperation mit der Volkssolidarität getragen.

Der Slogan „Wir Bleiben Alle“ ist (vorsichtshalber?) auf der Website geblieben.

Das ist nur ein Beispiel dafür, dass auch ältere Menschen Häuser besetzen können und für ihre Rechte kämpfen können.

Die „unwürdige Greisin“ (Brecht) wird in der Zukunft in ihrer „modernisierten Form“ möglicherweise noch andere Missstände auf die politische Agenda setzen und darauf dringen, dass sich etwas verändert! Und sie wird „direkt an die gesellschaftlichen Wurzeln rühren, das heißt an die gesellschaftliche Ordnung, die die Kälte produziert und reproduziert“, weil sie weiß, dass alle anderen Versuche „gegen die alles durchdringende Kälte anzugehen“, zum Scheitern verurteilt sind (Adorno). Ihr Erscheinen kann zur Herausforderung werden, der sich auch Jüngere stellen müssen.

Gisela Notz

Auflösung Bilderrätsel vier

Ok, dahin geht die Reise. Mit Schwung nach unten. Jahrzehnte steht sie schon, die Rutsche im Regenbogenhof. Einen Anstrich hat ihnen ein Filmteam verpasst, das vier lange Tage eine Szene aus „Der ewige Gärtner“ im Hof und auf der Straße gedreht haben.
Eingeweihte können noch heute weitere Spuren davon finden.

Werner Orlowsky

1981 | Werner Orlowsky wird Baustadtrat im Bezirk Kreuzberg

Zur Würdigung dieses Anlasses verweisen wir auf einen Artikel der Kreuzberger Chronik vom Juni 2004.

»Alles, was nicht ausdrücklich verboten ist, ist erlaubt.«

So beginnt Hans W. Korfmann sein Portrait von Werner

Eigentlich würde eine Zigarre zu diesem Bart passen. Ein strenger, durchdringender, alles erobernder Geruch. So eine männlich herbe Attitüde, mit der sich Männer wie Castro oder Che Guevara schmücken, deren Konterfeis noch immer großformatig in seiner Wohnung hängen. Doch Werner Orlowskys Anwesenheit umgibt ein dezenter, feiner und beinahe schon süßlicher Geruch. Dieser Mann drängt sich nicht auf, er schleicht sich ein.
Allerdings ist das Duftwässerchen Sylvestre nur eines von vielen aus einer Reihe von Relikten, die wie eine Garnison von Parfüms und Eau de Toilettes vor dem großen Spiegel stehen und von seiner Vergangenheit als Besitzer der Parfümerie in der Dresdener Straße erzählen.
Einer Vergangenheit, die immerhin von 1960 bis 1980 reichte, und die den Spiegel, der dem unter lautstarken Protest zum Baustadtrat gewählten »Besetzerhauptmann« einen mehrseitigen Beitrag widmete, zu der ironischen Überschrift verleitete: 20 Jahre parfümiertes Blackout. Die Vorstellung vom braven Parfümhändler Orlowsky war mit dem Bild, das die Medien von Orlowsky, dem kämpferischen Sprecher der Hausbesetzerszene, heraufbeschworen, nicht vereinbar. Tatsächlich war Orlowsky eine politische Spätgeburt.
Der Student interessierte sich eher für Literatur und für Musik; auch, wenn er Philosophie und Geschichte studierte und seine Dissertation über den Spanischen Bürgerkrieg schrieb: Orlowsky war vor 1960 »fast ein unpolitischer Mensch«.

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