Manche werden noch älter…

Die Regenbogenfabrik steht im Gebiet der evangelischen Emmaus-Kirche auf dem Lausitzer Platz. Gegründet wurde die Emmaus-Gemeinde 1887, sie wird am 24. März exakt 135 Jahre alt. Die „Mutter“, die St.-Thomas-Gemeinde, hatte damals schon über 130.000 Gemeindeglieder, weshalb es dringend nötig wurde, mit Emmaus eine Tochter-Gemeinde auszugründen, eine weitere Kirche in der dichtbevölkerten Luisenstadt zu bauen.

Die St.-Thomas-Kirche auf dem Mariannenplatz wurde 1869 eingeweiht. Die Kirche hat sozusagen zum 150. Geburtstag ein Buch geschenkt bekommen, keinen Blog, aber immerhin. Das Buch heißt „Kirche auf der Grenze – Die St.-Thomas-Kirche in über 150 Jahren Berliner Geschichte“. Es ist kein typischer Kirchenführer geworden. Es ist eine Art Spaziergang aus der Kirche heraus, durch die Luisenstadt, durch SO36 und wieder in die größte städtische Kirche Berlins hinein.
Die größte? Ja, der Dom ist größer, aber kaiserlich geprägt, hingegen wurde St. Thomas vom Berliner Magistrat beauftragt. Bei der Lektüre erfährt man, dass St. Thomas weitere Rekorde aufweist: Beispielsweise stand keine Kirche dichter an der DDR-Mauer. Aber nicht nur deshalb ist St. Thomas die „Kirche auf der Grenze“. In zehn Kapiteln, den „Grenzfällen“, habe ich als Autor die vielen Geschichten gegliedert. Es geht um die Grenzen zwischen reich und arm, vor allem in den ersten hundert Jahren. Es geht um die Grenzen zwischen Spekulanten und Hausbesetzern: Keine Kirchengemeinde hatte in ihrem Gebiet mehr Hausbesetzungen zu verzeichnen als St. Thomas.
Und es wird erzählt, wie gerade Christen die „Strategien für Kreuzberg“ prägten, die Frieden schufen. Und trotzdem gab es im Schatten der Kirche die Mai-Krawalle, Todesschüsse an der Mauer und vor allem die Verbrechen der nationalsozialistischen Zeit. Die Grenze zwischen Christen und Nationalsozialisten, die sich Christen nannten, werden beschrieben. Die Ausgrenzung von Christen jüdischer Herkunft. Ein Vorgang bar jeder Logik und Menschlichkeit, wie auch das kirchliche Zwangsarbeiterlager neben dem St.-Thomas-Friedhof an der Hermannstraße.

Ich bin nicht nur Autor, sondern auch Stadtbilderklärer, habe als solcher auch mal in der Regenbogenfabrik arbeiten dürfen. Vielleicht ist das Buch auch deshalb mehr als eine Baubeschreibung. Es ging mir darum, dass man beim Lesen durch die Straßen, um die Kirche, durch die Zeiten wandert und sich Zusammenhänge auftun. Dass man sogar gedanklich bis nach Indien wandert, über das Kreuzberg der vielen Herkünfte liest. Als Autor ist man betriebsblind, aber als ich gebeten wurde, für diesen Geburtstags-Blog mein Geburtstags-St.-Thomas-Buch zu beschreiben, konnte ich nach einem Jahr erfreulicher Reaktionen gerne zusagen. Viele haben gesagt und geschrieben: Leute, das Buch lohnt sich! Schaut mal rein:

288 bunte Seiten, erschienen 2021 im Kunstverlag Josef Fink, vier vergleichende Karten der Luisenstadt von Gerd Gauglitz, als Kapitel-Auftakt jeweils bunte Grafiken von Michael Riese, flottes Layout von tiff.any am Paul-Lincke-Ufer, für tatsächlich nur 20 Euro im Buchhandel oder der Thomas-Kirche zu bekommen – kurz: Ein echtes Kiezgeschenk! Sagt schon mal der Autor: Jodock