Deutschland sucht den Fahrradführerschein

Na gut, vermutlich nicht ganz Deutschland. Ganz ehrlich wohl eher verschwindend wenige bis gar keine:r.

Als wir allerdings die Nachricht über die Neueröffnung der Jugendverkehrsschule nach der Renovierung im Görli bekamen, lag das alte Problem für mich wieder auf dem Tisch. Bei den ganzen Fahrraddebatten um Rowdy-Radler vs. Sonntagsfahrer, Pop-Up Radwege und Verkehrswende, war es in den letzten Monaten immer mal wieder ein belustigt erinnerndes Thema: Der Fahrradführerschein Berliner Grundschüler. Moment: Radfahrschein (Fahrräder werden wohl gefahren, nicht geführt, oder ist das tatsächlich was politisch-geschichtliches?) Wie auch immer. Keine:r wusste, wo der schlüpfer-rosa-orangene Pass ist, einige jedoch haben sich an die zähen (Theorie) Stunden im muffigen Verkehrsgarten erinnert. Und an den riesen Spaß im Außengelände, mit all den Ministraßen und winzigen Ampeln.

Und an die große Prüfung zum Ende der 4. Klasse. Ja diese Prüfung… In meiner Erinnerung ganz besonders für Kreuzberger Kinder und Verkehrspolizisten der 80er und 90er Jahre in SO36 eine spezielle Herausforderung:

Ein vornehmlich antiautoritär erzogener Hühnerstall brettert auf klapprigen 70er Jahre Kinderrädern (wahlweise wenige brandneue Modelle, gesponsort durch die Schwarzwald-Omas) durch den Görli. Autos hatten wenige Eltern, der Schulweg war deshalb zumeist ohnehin Fahrradzone. Erfahrene Radler:innen waren wir also alle. Nur eben nicht so, sagen wir mal, fokussiert, wenn es nicht darauf ankam.
Es kam, wie es kommen musste. Die Prüfung begann. Alle standen parat, die Konzentration war auf dem Höhepunkt.
Solide fuhren wir den Parcours ab, führten die Anweisungen des Verkehrspolizisten aus und hätten einfach unseren „Kinder-Lappen“ einsacken und zur Belohnung auf dem Heimweg ein Eis essen können. Dann aber gab der Prüfer NACH der Prüfungsrunde den Parcours zur spaßigen Radelei frei. Mit einem Schlag herrschte Anarchie und Chaos. Wildes Rasen, Klingeln, Schubsen, Verfolgungsjagden brachen aus. Ein Mordsspaß!
Wir waren in die Falle getappt. Strafpunkte und Standpauke für alle. Den Radfahrschein haben wir trotzdem bekommen, aber einen peinlichen Rüffel und einen Einblick, wer das letzte Wort auf der Straße hat, gab es eben auch.

Die Suche nach dem Fahrradführerschein habe ich aufgegeben; das Brettern und Schubsen im Straßenverkehr auch. Eine MPU oder Auffrischungsstunden für Fahrradfahrer gibt es wohl noch nicht. Falls doch, würde ich sie (wenn doch nötig) jederzeit gerne im Verkehrsgarten im Görli machen. Genau so.
Ich bereue nichts, würde heute aber einen Helm tragen und schauen, dass keine:r guckt. Und ich hoffe, dass es dort auch noch ein wenig muffig nach 80er Jahre Schullandheim riecht, trotz Sanierung.